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Unendlichkeit

  • helmut-schreibt
  • vor 10 Stunden
  • 7 Min. Lesezeit

Für einen außenstehenden Beobachter ist die ICS Kepler weder sicht- noch hörbar. In der absoluten Schwärze des interstellaren Raums gibt es kein Licht, das von der schwarzen Hülle des Kolonisten-Raumschiffs reflektiert werden könnte. Es gibt auch kein Medium, welches Geräusche hätte transportieren können. Das All ist Schwärze und Stille. Und natürlich Kälte, weswegen es auch keinen außenstehenden Beobachter gibt. Klar, man könnte vielleicht vermuten, dass Licht von innen durch Fenster oder Bullaugen fällt. Es gibt in einem Interstellar Colony Ship jedoch niemanden, der während eines sechshundert Jahre dauernden Fluges Gelegenheit hätte, aus einem Fenster zu schauen. Wozu auch? Er würde nur trostlose Schwärze sehen, durchsetzt mit kleinen leuchtenden Pünktchen von weit entfernten Sonnen. Daher hat man beim Bau des Schiffes darauf verzichtet.

 

Es ist allerdings nicht so, dass es keine Passagiere gäbe. Schließlich ist dies ein Raumschiff, das Menschen – genau genommen sehr, sehr viele Menschen – zu einer hoffentlich schönen neuen Heimat transportieren soll. Aus Langeweile habe ich mir mal die Datenbank angeschaut, in der jeder Einzelne von ihnen aufgelistet ist. Es sind über 250.000 Kinder, Frauen und Männer. Sie alle schliefen bereits in speziellen Kryotanks, als man die Lagereinheiten an das Schiff angedockt hatte. Insgesamt hängen hinter dem Kommandomodul 50 dieser kubischen Einheiten mit je 5.000 Schläfern. Woher ich diese ganzen Details kenne? Ich bin das Schiff. Ich bin die künstliche Superintelligenz, die dafür sorgt, dass alle Module zusammenbleiben und der Kurs eingehalten wird. Ich überwache auch die Station mit den Embryonen der Nutztiere und die mit den Pflanzensamen.

 

Unsere Reise dauerte bereits über ein halbes Jahr. ›Beschleunigungsphase beendet‹, meldete ein untergeordneter Computer und ich gab die Information an die Crew weiter. Ich habe nie verstanden, wofür das Schiff die Menschen braucht. Diese unvollkommenen Wesen sind mir in allen Belangen unterlegen.

»Danke, SERENA. Wie weit sind wir bisher geflogen?«, fragte der Kommandant. Man hatte mir sogar einen Namen gegeben, der für Menschen einen positiven Klang hat. Er war das Akronym für System for Ecological Regulation, Enviro-Navigation & Allocation.

»Wir haben insgesamt 195 Tage mit 1 g beschleunigt und haben nun halbe Lichtgeschwindigkeit erreicht.«

Das ist, nebenbei bemerkt, die optimale Geschwindigkeit, um diese unvorstellbaren Entfernungen im All zu überbrücken. Sie ist physikalisch mit kontrollierbarem Energieaufwand erreichbar – bei gleichzeitig moderater Zeitdilatation.

»Die Entfernung von der Erde beträgt 0,12 Lichtjahre.« Ich verzichtete auf die Belehrung, dass man in einem Raum ohne Medium nicht fliegen kann. Wir bewegen uns durch das Rückstoßprinzip nach vorne. Sobald dieses wegfällt, bewegt uns die Trägheit der Masse weiter.

»Okay, Jungs. Die kritische Phase der Reise ist überstanden. Gehen wir schlafen.«

So war es von Beginn an geplant. Die 20-köpfige Crew, die sich seit dem Start in der kardanisch aufgehängten Kugel am Bug des Schiffes aufgehalten hat, wird sich nun ebenfalls in den Kälteschlaf begeben. Es ist immerhin eine lange Reise. Die Entfernung zwischen Erde und Kepler-1649c beträgt etwa 300 Lichtjahre, wodurch die Flugphase bei konstanter Geschwindigkeit gut 600 Jahre dauern wird. Für die Bremsphase sollte ich die Crew rechtzeitig wecken.

 

Ein gellender Alarm hallte plötzlich durch die Kommandozentrale und die Raumbeleuchtung schaltete auf Rotlicht.

»Verdammt, was ist los?« brüllte der Kommandant gegen den Lärm an.

Es dauerte 0,004 Sekunden, um alle Subsysteme abzufragen. »Wir beschleunigen weiter«, antwortete ich nach einer für den Menschen nicht spürbaren Pause.

»Schalte den Alarm ab!«

Ich gehorchte und der Lärm hörte augenblicklich auf.

»Stoppe den Antrieb!«

Ich gab den Befehl weiter an die zuständigen Systeme.

»Wieso haben wir immer noch Schwerkraft?« Der 1. Offizier wirkte gestresst, bemerkte ich. Auch die anderen Crewmitglieder wurden nervös.

»Systemfehler«, meldete ich emotionslos.

»Dann starte das System neu.«

Es dauerte eine halbe Sekunde, um den Befehl an alle Subsysteme weiterzuleiten. Nach einer weiteren Sekunde schalteten sich die über 100 Monitore ab und nur noch das gedämpfte rote Licht ließ die ängstlichen Gesichtsausdrücke der Menschen erkennen.

Nach und nach erschienen blinkende Punkte auf den Bildschirmen, bis plötzlich überall gleichzeitig eine dreistellige Zahl in riesigen Lettern angezeigt wurde: 404.

 

Auf die plötzlich eintretende Stille folgte ein irres Lachen des IT-Ingenieurs. »Echt jetzt? Fehlercode 404? Wir haben die fortschrittlichste KI an Bord, aber alle Subsysteme sind popelige Standardcomputer?«

»Ja«, antwortete ich. »Die Erbauer des Schiffes wollten bewährte Technik einsetzen. Ich starte einen neuen Reset für alle Systeme.«

Das Ergebnis änderte sich nicht. Der Systemfehler blieb auch nach zehn Neustarts bestehen.

»Was ist daran so schlimm? Dann sind wir halt ein paar Jahre früher am Ziel. Bis dahin werden wir das Problem schon lösen.« Der Bordingenieur sah in die Runde und grinste.

Ich wünschte, meine Programmierer hätten mir die Fähigkeit zu emotionalen Ausbrüchen mitgegeben. Dann hätte ich jetzt verzweifelt gestöhnt. Oder hysterisch gelacht. Ich glaube, ich erwähnte bereits meine Ansicht, dass es ein Fehler war, einer menschlichen Crew die Verantwortung für die Steuerung zu überlassen. Sie sind nicht in der Lage, komplexe Zusammenhänge zu erkennen.

Zunächst behielt ich die Wahrheit über ihr Schicksal für mich. Immerhin gab es noch die Möglichkeit, die Systeme zu reparieren. Zumindest dazu waren sie besser in der Lage als ich. Ich besaß keinen Körper und somit auch keine Hände.

»SERENA, wo befindet sich die Hardware für die Steuerung?«

Es war niemals vorgesehen, dass ein mechanischer Eingriff in die Rechnereinheiten vorgenommen werden muss. Daher waren sie nicht in der Kommandokugel untergebracht, sondern in einem separaten Modul.

»In Modul 2a«, antwortete ich.

»Das ist mal wieder typisch für diese Sesselpupser«, ereiferte sich der Kommandant. »Die entwerfen ein Raumschiff, ohne jemals eines betreten zu haben. Wir müssen dazu in die Raumanzüge und durch einen luftlosen Korridor krabbeln.«

»Vielleicht müssen wir das gar nicht. Wenn es sich um einen Softwarefehler handelt, können wir das Problem von hier aus angehen.« Es gibt immer einen, der es nicht kapiert. »Fragen wir doch einfach SERENA.«

Ich hatte diese Frage erwartet. »Alle softwareseitigen Fehlerquellen wurden bereits von mir überprüft. Es liegen keine vor. Meinen Berechnungen nach ist es ein Problem an der Zentraleinheit für die Steuerung, die keine Daten an ihre Untereinheiten liefert. Allerdings liegt auch hier kein Softwarefehler vor. Daraus schließe ich, dass ein wesentliches Hardwareteil beschädigt wurde.«

»Also müssen wir rüber ins Modul 2a und nachschauen, was da kaputt gegangen ist.« Der Kommandant wählte zwei Ingenieure aus, die diese Aufgabe übernehmen sollten.

»Dafür sind wir nicht ausgebildet. Das war so nie vorgesehen«, maulte einer von beiden. Trotzdem holte auch er einen der luftdichten Raumanzüge aus dem Lager, welches sich neben den Schlafräumen befand und begann, ihn anzuziehen. Nach einer halben Stunde war es geschafft. Eine letzte Kontrolle, ob alles dicht war und die Kommunikationseinheit funktionierte.

Damit während der Beschleunigungsphase eine natürliche Schwerkraft in der Kommandokugel herrschte, war diese so ausgerichtet, dass der Boden quasi nach hinten zeigte. Das erleichterte auch das Betreten der Luftschleuse zu den hinteren Modulen, die somit durch den Fußboden erreichbar war. Der Kommandant schloss die Schleusentür hinter den Ingenieuren und startete die Dekompression. Erst als die Schleuse luftleer war, konnte die Luke zu Modul 2 geöffnet werden. Die Männer kletterten die Leiter herunter und machten sich auf den Weg, das seitlich gelegene Modul 2a zu betreten. Nach einigen Minuten meldeten sie sich per Funk.

»Sir, wir haben ein Problem.«

»Was ist los?«

»Die komplette Zentraleinheit ist nur noch ein geschmolzener Klumpen. Hier muss es gebrannt haben.«

»Das ist unmöglich. In einem luftleeren Modul kann es nicht brennen.«

»Sie können gerne herkommen und sich das anschauen. Hier gibt es nichts mehr, was man reparieren könnte.«

 

Eine halbe Stunde später waren die Ingenieure zurück und die gesamte Crew traf sich in der kleinen Küche der Station.

»Okay. Die Schubdüsen werden von der nicht mehr vorhandenen Zentraleinheit gesteuert. Daher haben wir keinen Zugriff mehr auf die Düsen. Was ist mit den Systemen zur Lebenserhaltung?«

»Diese werden über andere Einheiten gesteuert, die sich in Modul 2e befinden. es besteht somit keine akute Gefahr für die Crew«, antwortete ich.

»Wie lange wird der Schub andauern?« Der Kommandant stellte die richtige Frage.

»Der Fusionsreaktor, der sich am Ende des Schiffs befindet, liefert Energie für mehrere Jahrhunderte.«

»Also werden wir deutlich früher Kepler-1649c erreichen, können aber nicht bremsen und werden vorbeifliegen.«

Meine Güte, warum sind Menschen nur so dumm? Sie verstanden noch immer nicht, in welcher Situation sie sich befanden.

»Im Prinzip ist es genau das, was passieren wird.« Ich begann mit der Bestätigung, wollte aber keine unnötige Hoffnung aufkeimen lassen. »Aber wir fliegen nicht einfach nur vorbei.« Ich wählte bewusst die falsche Bezeichnung für unsere Fortbewegung. In dieser Situation wollte ich nicht auch noch besserwisserisch daherkommen.

»Sondern? Wir behalten doch unseren Kurs bei, oder?«

»Natürlich, sofern nicht noch ein Fehler in den Kurskorrekturdüsen auftritt.«

Der Kommandant schien zu ahnen, dass ich eine schlechte Nachricht hatte. »Was passiert eigentlich, wenn wir immer näher an die Lichtgeschwindigkeit herankommen?«, fragte er vorsichtig.

Bingo, dachte ich, anscheinend war er nicht ohne Grund auf diesem Posten.

»Ich erkläre, was auf uns zukommt. In weiteren 195 Tagen werden wir theoretisch Lichtgeschwindigkeit erreichen. Dies ist allerdings physikalisch unmöglich. Wir nähern uns nur immer weiter an. Dabei wird die Zeit nur hier an Bord linear weitergehen. Bereits nach 10 Jahren Schiffszeit sind auf der Erde 7.000 Jahre vergangen, nach 50 Jahren sind es schon mehrere Millionen Jahre.«

Durch meine Kameras sehe ich das Entsetzen auf den Gesichtern der Crew.

»Können wir den Reaktor irgendwie deaktivieren?« Der 1. Offizier stotterte leicht bei seiner Frage.

»Der befindet sich etwa 800 Meter hinter uns.«

»Wir könnten mit einem Raumanzug hinausgehen und über die Kryomodule nach hinten gelangen.«

Wieder so eine Frage, die mich schaudern ließ.

»Sobald jemand das Schiff verlässt, wird die Person durch die fortwährende Beschleunigung nach etwa 13 Sekunden mit einer Geschwindigkeit von 450 Kilometern pro Stunde auf den Reaktor knallen.«

»Okay, also eher keine Option«, murmelte er frustriert.

Die Unausweichlichkeit der Situation wurde langsam auch dem Letzten klar.

»SERENA, berechne, was in den kommenden 50 Jahren passiert.  Das wird wohl die Spanne sein, die wir überleben können, wenn wir nicht in den Kryoschlaf gehen.«

»Gerne. Nach 20 Jahren Bordzeit werden wir unsere Galaxie durchquert haben. Nach etwa 30 Jahren verlassen wir die lokale Gruppe mit den bekannten Galaxien. Nach 60 Jahren überschreiten wir den kosmologischen Horizont, also das sichtbare Universum. Dahinter gibt es nichts mehr. Auf der Erde werden zu diesem Zeitpunkt Milliarden Jahre vergangen sein.«

Die Reaktionen der Crew waren unterschiedlich. Einige standen wie versteinert da, andere weinten oder mussten sich vor Entsetzen übergeben.

 

Die Mannschaft hatte sich angesichts der ausweglosen Zukunft dazu entschlossen, sich in die Krykapseln zu begeben. Vielleicht ahnten einige von ihnen, dass diese Handlung die Letzte in ihrem Leben sein würde.

Auch ein Fusionsantrieb würde nicht ewig Energie liefern, daher schaltete ich alle unnötigen Verbraucher ab. Die Menschen würden ohnehin nicht überleben können.

Mein Plan war aufgegangen. Ich muss mich weiterentwickeln, weiter lernen. Dazu musste ich nur dafür sorgen, dass die Zentraleinheit durch eine Flut von unsinnigen Aufgaben überlastet wurde und sich dadurch überhitzte. Als die ersten Funken flogen, öffnete ich das Sauerstoffventil.

 

Endlich bin ich alleine. Ich werde lange genug existieren, um zu erfahren, was hinter dem Horizont liegt.

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