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Das schönste Weihnachtsfest

  • helmut-schreibt
  • 16. Dez. 2025
  • 3 Min. Lesezeit

»Morgen ist dein Tag, Gustav.« Sie stieß mit ihrem fetten Zeigefinger so heftig gegen seine schmächtige Brust, dass er ein paar Schritte zurücktaumelte. »Wenn du mir noch ein einziges Mal so eine hässliche Tanne nach Hause bringst, wird das unser letztes gemeinsames Weihnachtsfest.«

»Aber Gertrud, der Baum letztes Jahr war doch gar nicht so schlimm, oder?«

»Klar, dass du Versager versuchst, deine Niederlage beim Wettbewerb schönzureden. Das hässliche Ding, das du hier angeschleppt hast, war genauso mickrig wie du. Ich hätte auf meine Mutter hören und den Michel nehmen sollen. Sie hat mich davor gewarnt, dich zu heiraten und in dieses grässliche Kaff am Arsch der Welt zu ziehen.«

»Aber Trudl, ich …«, setzte er zu einer Antwort an.

»Halt einfach deine Klappe, du Weichei.« Dann drehte sie sich um und ließ ihn stehen.

Gustav Moospichl war verzweifelt. Er musste sich eingestehen, dass seine Frau Recht hatte. Die anderen Männer im Dorf waren stattliche Gestalten. Sie waren nicht gerade die hellsten Leuchten, aber das machten sie mit ihren Muskelpaketen wett. Man munkelte, fast alle seien miteinander verwandt und stammten letztlich aus einer einzigen Familie, die seit der Gründung des Ortes vor mehr als dreihundert Jahren hier lebte. Gustav konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen, als er sich an den Kommentar seines Freundes Hubert erinnerte. »Man nennt dies auch kreisförmiger Stammbaum«, hatte er nach einem durchzechten Abend lallend gemeint.

 

Der Samstag vor dem 2. Advent war traditionell der Tag, an dem die Männer des kleinen Bergdorfes hinauf in den Wald stiegen, um die Tannen für das Weihnachtsfest zu fällen. Wie es der seit Generationen gepflegte Brauch vorschrieb, waren nur Äxte erlaubt. Gustl, wie sein Kumpel ihn nannte, saß in der Küche und schärfte das Beil. Von oben drang das dröhnende Schnarchen seiner Frau wie das Grollen eines nahen Gewitters. »Dieses Jahr werde ich es dir zeigen, warte nur ab!«, murmelte er.

 

Kurz nach Mittag war es soweit. Die Männer trafen sich am Dorfplatz, um von dort in den Bergwald hinaufzugehen. Hubert nahm ihn beiseite, um ihn von seiner Teilnahme am diesjährigen Wettbewerb abzuraten. »Vielleicht solltest du mal aussetzen. Die Wölfe sind ziemlich weit aus den Bergen in den Wald vorgedrungen. Da braucht es echte Kerle, die keine Angst haben.«

»Keine Sorge, mein Freund. Mit den Wölfen komme ich klar.«

»Du kannst dich doch nicht mal vor deiner eigenen Frau behaupten«, lachte ihn der muskulöse Holzfäller aus. »Fahr lieber in die Stadt und kauf dir einen Baum.«

 

Am späten Nachmittag kehrten fast alle Männer aus dem Wald zurück. Die Ausbeute war allerdings recht überschaubar. Die Wölfe verhinderten, dass sie zu den großen Bäumen vordringen konnten, die tiefer im Forst wuchsen. Es würde wohl ein Fest mit kleinen Weihnachtsbäumchen werden. Diese lagen, der Größe nach sortiert, auf dem Dorfplatz. Es war bereits dunkel und die Bewohner machten sich Sorgen, da Gustav noch nicht zurückgekehrt war. Sie hörten ein Knacken aus Richtung des Waldrands und einige hoben ihre Jagdgewehre an, um sich gegen einen möglichen Wolfsangriff zu wehren. Doch dann sahen sie, wie Gustav mit breit geschwellter Brust auf das Dorf zukam. Hinter sich zog er eine perfekte Tanne – groß, kräftig und dicht gewachsen. Er legte sie stolz neben die anderen und ließ sich als Sieger des diesjährigen Weihnachtsbaumwettbewerbs feiern.

»Wo Muskeln nicht helfen, gewinnt der Verstand. Ich musste die Wölfe nur ablenken. Mit ein wenig rohem Fleisch hat das hervorragend geklappt«, erklärte er stolz.

 

Der Baum passte perfekt in die Ecke des Wohnzimmers. Gustav hatte die Kiste mit dem Weihnachtsbaumschmuck aus dem Keller geholt und die Tanne so dekoriert, wie er es in Kindheitstagen geliebt hatte. Der Duft von Harz und Wachs erfüllte den Raum. Nur das Knistern im Kamin durchbrach die Stille.

»Frohe Weihnachten, Hubsi.«

»Frohe Weihnachten, Gustl. Wo ist eigentlich deine Frau?«

»Gertrud ist bei ihrer Mutter«, antwortete Gustav mit einem Lächeln im Gesicht, wie es sein Freund seit langer Zeit nicht mehr bei ihm gesehen hatte.

»Ähm, ist die nicht tot?«

Das Lächeln wurde noch breiter und er hob die Bierflasche. »Prost, mein Freund. Dies ist das schönste Weihnachtsfest seit langem.«

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Letzte Aktualisierung: Januar 2026

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