Srkgemls Fehler
- helmut-schreibt
- vor 4 Stunden
- 5 Min. Lesezeit
Sein Kopf dröhnte. Wie so häufig in letzter Zeit. Er wurde wach, mit einem seltsam metallischen Geschmack im Mund. Wie jedes Mal. Mindestens einmal pro Woche. Nass geschwitzt und zitternd. Er war deswegen bei einem Arzt gewesen, der ihm jedoch eine außergewöhnliche Gesundheit attestierte. Diese Träume machten ihn langsam mürbe.
Martin war 38 Jahre jung und ledig. Vielleicht wäre einer Partnerin, die an seiner Seite lag, etwas aufgefallen. Aber er lebte und schlief alleine. Wie immer nach dem Erwachen aus diesen nächtlichen Albträumen blieb er zunächst liegen, bis sein Puls sich beruhigte. Es war schon fast ein Ritual. Langsam zählte er bis zehn und öffnete dann seine Augen. Das Licht der Straßenlaterne vor seinem Schlafzimmerfenster holte ihn endgültig aus dem Traum zurück in die Realität. Normalerweise. In dieser Nacht war irgendwas anders als sonst. Die Laterne musste defekt sein, denn es war stockdunkel. Seine Augen suchten vergeblich nach einem Punkt an der Zimmerdecke. Erst jetzt fiel ihm auf, dass seine Matratze härter schien als er es gewohnt war. Viel härter. Behutsam richtete er sich auf und schwenkte seine Beine über die Bettkante. Seine nackten Füße berührten den Boden und er fuhr erschrocken zusammen. Da, wo eigentlich ein weicher Bettvorleger lag, war nun ein kalter und harter Untergrund. Vorsichtig tastete er suchend mit einem Fuß von links nach rechts, aber er war wohl weg.
Irgendetwas schien hier ganz und gar nicht zu stimmen. Dunkelheit, Kälte und eine Matratze, die nicht seine zu sein schien. Träumte er noch? Er kniff die Augen zusammen und öffnete sie wieder. Er war wach, eindeutig.
Langsam stand er auf und ging zur Tür, um das Licht einzuschalten, aber da war nichts. Kein Lichtschalter und, was ihn noch viel mehr irritierte, keine Tür.
»Was ist hier los?«, murmelte er. »Das ist doch nicht mein Schlafzimmer!«
Aus einem Nachbarraum hörte er Stimmen. War etwa jemand in sein Haus eingebrochen? Aber nein, er hatte ja schon festgestellt, dass er sich nicht in seinem Zimmer befand. Plötzlich wurde ihm klar, was passiert sein musste. Er hatte einen medizinischen Notfall und war jetzt im Krankenhaus. Das schien ihm die einzig logische Erklärung zu sein. Es kam ihm vor, als würden die Stimmen näher kommen. Wahrscheinlich zwei Ärzte. Er lauschte und versuchte zu erfassen, worüber die Männer sprachen, aber er konnte kein einziges Wort verstehen. Dann wurde eine Tür geöffnet und gleißendes Licht fiel hinein. Er drehte sich um und erstarrte.
Im Türrahmen standen zwei unheimliche Wesen. Beide waren ungewöhnlich dünn und groß, mit Köpfen, die eigentlich zu riesig für die filigranen Körper waren. Am meisten irritierte ihn jedoch, dass sie vier Arme und Hände hatten. Also nicht zusammen, sondern jeder von ihnen. Ihm wurde schlecht und sein Puls schoss in die Höhe. Das waren definitiv keine Ärzte. Es waren nicht mal Menschen.
Die beiden schauten sich überrascht an und einer sagte mit einer Stimme, die direkt in seinem Kopf zu entstehen schien: »Nicht schon wieder. Wir müssen mal ein ernstes Wort mit Srkgeml reden.«
Martin spürte, wie die Kraft aus seinen Beinen wich und er langsam zu Boden sank. Bevor er aufschlug, war bereits eines dieser Wesen mit einer unfassbaren Schnelligkeit bei ihm und hielt ihn fest. »Es ist alles gut, Martin«, hörte er wieder diese körperlose Stimme. »Entspann dich.«
»Was ist hier los? Wo bin ich? Wer oder was seid ihr?«, formulierte er stotternd vor Entsetzen seine Fragen. Erst jetzt fiel ihm auf, dass die beiden unterschiedliche Kleidung trugen. Einer hatte eine Art Overall an, der in einem satten Orange gefärbt war, der andere, der ihn aufgefangen hatte, trug eine knallrote Toga. Letzter sah ihn an und schien darüber nachzudenken, was er sagen oder erklären sollte. »Das sind viele Fragen, gute und berechtigte Fragen«, begann er. »Du dürftest eigentlich nicht wach sein.«
Martin löste sich aus dem Griff der hageren Gestalt und wich ängstlich zurück. »Ich bin nicht wach, ich träume«, flüsterte er und realisierte gleichzeitig, dass das nicht stimmte. Es war real, auch wenn er nicht verstand, was vor sich ging.
»Wir sind Forscher und besuchen die Erde seit mehreren Jahrzehnten eurer Zeitrechnung. Wir kommen regelmäßig vorbei und holen Menschen wie dich hierher, um sie zu untersuchen. Nach dem Einschlafen werdet ihr abgeholt und rechtzeitig vor dem Aufwachen zurückgebracht.«
»Normalerweise«, unterbrach ihn der andere. »Srkgeml ist dafür zuständig, dass ihr nicht zu früh aufwacht.«
Heiliger Scheibenkleister, dachte Martin, das sind Aliens. All die Geschichten von Entführungen waren also doch keine Erfindungen von bekloppten Spinnern. Er war jetzt hellwach. War das die Erklärung für seine ständigen Albträume?
»Aber ich bin noch hier«, stellte er fest. Panik ergriff ihn. »Bin ich etwa in einem Raumschiff?«
»Ja, so nennt eure Spezies wohl unsere Forschungsstationen in eurem Orbit.«
»Was habt ihr mit mir gemacht?« Er betastete hektisch seinen Körper auf der Suche nach Verletzungen.
»Keine Sorge, du wirst nichts finden. Unsere Untersuchungen bestehen aus Scans. Wir bringen euch immer völlig wohlbehalten zurück, bevor ihr wach werdet.«
»Normalerweise«, unterbrach das andere Wesen ihn erneut. »Es sei denn, Srkgeml hat mal wieder Mist gebaut.«
»Kommt das etwa öfter vor?«
»Gelegentlich.« Es hörte sich fast an wie eine Entschuldigung.
»Kann ja mal passieren.« Martin versuchte, es mit Humor zu nehmen. »Dann bringt mich halt jetzt nach Hause.«
»Das geht leider nicht. Du hast uns gesehen und kennst nun die Wahrheit. Daher können wir dich leider nicht zurück zur Erde bringen.«
Martin lief es eiskalt den Rücken herunter. Würden die beiden ihn jetzt umbringen? Er traute sich nicht zu fragen, was mit denen passierte, die zu früh erwachten. Ein instinktiver Fluchtimpuls ließ ihn blitzschnell die Lage checken. Die Tür war der einzige Ausweg, aber die zwei dürren Gestalten standen davor. Konnte er sie einfach umrennen? Besonders stark sahen sie nicht aus. Aber wohin dann? Er war schließlich in einem verdammten Alien-Raumschiff. Resignation ergriff ihn genauso schnell, wie vor wenigen Sekunden die Hoffnung, hier lebend rauszukommen.
Die Wesen gaben seltsame gackernde Geräusche von sich. War das etwa ein Lachen?
»Nein, wir töten dich nicht.« Sie hatten offensichtlich seine Gedanken erraten. Oder etwa gelesen? »Du kommst mit zu unserem Planeten.«
Das Ganze war jetzt fast ein Jahr her. Martin erinnerte sich noch gut an seine Panik, nachdem ihm klar wurde, dass er nie mehr zur Erde zurück durfte. Mittlerweile hatte er sein Schicksal akzeptiert. Mehr noch - er fühlte sich wohl in seiner neuen Heimat. Er lebte in einer Menschenkolonie in der Bergregion eines Planeten mit drei Monden. Es schien nicht selten vorzukommen, dass Menschen zu früh wach wurden. Etwa viertausend lebten hier, aus allen Teilen der Welt. Die Kommunikation unterein

ander war durch die kleinen Mikrochips, die man ihnen einsetzt hatte, kein Problem. Nach wie vor konnte er auch die seltsamen Wesen verstehen, die diesen Planeten seit Jahrtausenden bewohnten. Der kulturelle Austausch mit ihnen war für die Menschen eine enorme Bereicherung. Trotz der weit überlegenen technischen Errungenschaften lebten sie in Harmonie mit der Natur. Es gab sogar Schulen, in denen die Gäste, wie die Fremden sie nannten, unterrichtet wurden, wie sie sich selbst versorgen konnten. In unmittelbarer Nähe zu ihrer kleinen Stadt waren Wälder, in denen köstlich schmeckende Früchte wuchsen. Auf Feldern bauten sie ein Getreide an, das dem heimischen Weizen ähnlich war. Arbeit gab es genug, denn sie mussten ständig neue Häuser für Neuankömmlinge bauen. Srkgeml war wohl noch immer im Einsatz.
Vor vier Monaten hatte er Jun-Li, eine junge Chinesin, geheiratet und sie erwarteten ihr erstes Kind. Es würde in einer traumhaften und friedlichen Welt aufwachsen. Mit sauberer Luft, klarem Wasser und dauerhaft angenehmen Temperaturen. Manchmal jedoch, wenn Martin am Bergsee saß und die drei Monde betrachtete, fühlte er sich dennoch fremd.




Kommentare