Stille Leitung
- helmut-schreibt
- vor 16 Stunden
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»Viel Spaß, grüß’ mir deine Freunde.« Die Stimme kam gedämpft aus dem Bluetooth-In-Ear in meinem rechten Ohr. Ich wollte gerade antworten, da spürte ich einen warmen Atem im Nacken, zu dem sich der Geruch eines billigen Rasierwassers gesellte, durchmischt mit einer Wolke aus Knoblauch. Ich fühlte, wie jemand ganz dicht an mich herantrat. Eine dreiste Verletzung meiner persönlichen Distanzzone, inakzeptabel. »Hey, was soll das?«, rief ich laut und wollte mich umdrehen, doch ich kam nicht dazu.
»Nein!«, flüsterte eine Stimme mit einer Autorität, die jede Form von Widerspruch im Keim erstickte.
Ich stand an der Theke unseres Stammlokals, um eine weitere Runde Bier zu bestellen. Der Laden war gut besucht und der Geräuschpegel entsprechend hoch. Ein Gewirr von Stimmen, lautem Lachen und Geklirr von Gläsern. Irritiert blickten meine Augen nach rechts und links, aber die Männer, die dort standen, schienen den Befehl nicht gehört zu haben. Auch der Barkeeper ging wie üblich seiner hektischen Arbeit nach.
»Sag nichts! Schau einfach nach vorne. Wenn du mich verstehst, nicke mit dem Kopf.«
Die Stimme hatte etwas Bedrohliches und ich tat, was von mir verlangt wurde. War ich in Gefahr? War das ein Scherz einer meiner drei Kumpel, mit denen ich mich jeden Donnerstag hier traf? Ich atmete tief durch die Nase ein. Nein, dieser Geruch passte zu keinem von denen. Sie saßen nur ein paar Meter hinter mir und ich überlegte, ihnen ein Zeichen zu geben.
»Du drehst dich nicht um und sprichst nicht. Hast du das kapiert?«
Wieder nickte ich wortlos. Die Stimme war mir unbekannt. Was wollte dieser Mann von mir?
»Deine Frau heißt Marlene …«
Scheiße, das war keine Frage, sondern eine Feststellung.
»… und deine Tochter Sandra.«
Ich spürte, wie Panik in mir hochstieg. Mein Mund wurde trocken und ich musste mich mit beiden Händen an der Theke festhalten, da meine Beine schlagartig zu zittern begannen.
»Bleib ganz ruhig. Solltest du versuchen, dich umzudrehen, steche ich dir ein Messer in den Rücken und bin draußen, bevor du auf dem Boden ankommst.«
Ich spürte den Druck von irgendetwas Spitzem durch das T-Shirt und beeilte mich, bestätigend zu nicken.
»Wenn du meine Anweisungen erfüllst, passiert deiner Familie nichts. Solltest du versuchen, mich zu verarschen, wird deine kleine Tochter zuerst dran glauben müssen. Deine Frau wird dabei zusehen und dann wenig später ihr Schicksal teilen.«
»Okay«, sagte ich mit zittriger Stimme. »Ich habe verstanden.«
»Psst!«, machte der Kerl und verstärkte den Druck des Messers in meinem Rücken. »Du hältst einfach die Klappe und hörst zu.«
Ich suchte vergeblich nach einem spiegelnden Objekt, einer Flasche oder einem Mixbecher. Ich wollte wissen, wer mir diese Befehle gab und meine Familie bedrohte. Eventuell doch jemand, den ich kannte? Oder ein mickriger Bursche, den ich leicht hätte überwältigen können? Ich überlegte für einen Moment, ob ich einfach die Männer neben mir ansprechen und um Hilfe bitten sollte. Diese Idee verwarf ich schnell wieder, denn es schien, als hätte er die Gedanken gelesen. Der Druck des Messers verstärkte sich erneut und ich spürte, wie die Spitze leicht in meine Haut eindrang. Ich hob langsam die Arme, wie in einem Film, wenn jemand mit einer Waffe bedroht wird. Vielleicht hatte ich Glück und irgendjemandem fiel diese Geste auf.
»Netter Versuch, Arme runter. Sofort!« Er drehte die Messerspitze ein wenig und ein stechender Schmerz fuhr mir durch den Rücken.
Es blieb mir keine andere Wahl, als zunächst ruhig zu bleiben und zu hören, was er wollte. Ich bin weder Bankangestellter noch habe ich Reichtümer – warum also hatte er mich ausgesucht? War ich ein Zufallsopfer? Wohl eher nicht, da er die Namen meiner Frau und unserer Tochter kannte. Fieberhaft überlegte ich nach seinem Motiv. Was hatte ich, was er unbedingt haben wollte? Ich musste Zeit schinden, den Status quo aufrechterhalten. So lange er hinter mir stand und redete, würde sich die heikle Lage nicht weiter zuspitzen.
»Das war jetzt genug Zeit zum Grübeln und du bist sehr wahrscheinlich zum einzig richtigen Schluss gekommen, nicht den Helden zu spielen. Gute Entscheidung, mein Freund.«
Ich spürte, wie mir etwas in die hintere Jeanstasche gesteckt wurde.
»Dies ist ein Zettel. Auf dem steht eine Adresse, die du zu Fuß bequem in einer halben Stunde erreichen kannst. Es ist ein altes Haus am Ende der Straße. Sieh zu, dass du unbemerkt hinein kommst. Es ist mir völlig egal, wie du das anstellst, aber du solltest dich nicht erwischen lassen.«
Wollte er etwa, dass ich einen Einbruch für ihn verübe? Wie kam dieser Kerl dazu? Wut stieg in mir hoch. Bedrohte er tatsächlich meine Familie für ein paar Klunker oder ein paar Euro?
»In diesem Haus wohnt ein altes Ehepaar. Um diese Zeit schlafen sie für gewöhnlich. Du schleichst dich in ihr Schlafzimmer und sorgst dafür, dass sie nicht mehr aufwachen.«
Mein Herzschlag schien für einen Moment auszusetzen und mir wurde übel. Das konnte doch nur ein mieser Scherz sein. Ich schüttelte entsetzt den Kopf.
»Dein Gewissen sagt dir jetzt bestimmt, dass du zu so einer Tat nicht fähig bist. Du brauchst aber nur an deine Familie zu denken. Entweder sie oder irgendein altes Ehepaar, das du nicht kennst und dir egal sein sollte. Wenn du versuchst, jemanden zu warnen, stirbt deine Tochter. Wenn du kneifst, stirbt deine Tochter. Ich werde hier warten und mich möglichst auffällig verhalten. Mein Alibi wird wasserdicht sein. Du wiederum hast kein Motiv. Niemand wird uns verdächtigen. Ich bekomme, was ich will und du lebst weiterhin glücklich und zufrieden mit deiner Familie.«
»Wer sind diese Menschen?«, stammelte ich.
»Das muss dich nicht interessieren. Ist was Persönliches.«
»Wieso ich?«
»Ich kenne deine Gewohnheiten. Du kommst jeden Donnerstag hierher, trinkst ein paar Bier mir deinen Freunden, erzählst von deiner Tochter, erwähnst deine Frau. Und ich kenne deine Schwächen. Für deine Familie würdest du wirklich alles tun. Vor ein paar Wochen habe ich an einem Nachbartisch gesessen und eure Unterhaltungen gehört. Da wurde mir klar, dass du mein Kandidat bist.«
Ich atmete ein paarmal tief ein und wieder aus. Der Kerl war absolut irre. Adrenalin schoss durch meinen Körper und alle Muskeln spannten sich an.
»Ich werde mich jetzt umdrehen und weggehen. Du bleibst hier noch ungefähr dreißig Sekunden stehen, dann drehst du dich ebenfalls um und gehst los.«
»Nein! Das werde ich nicht tun.« Die Anspannung fiel wie ein zu schwerer Mantel von mir ab. Mit kräftiger Stimme sagte ich: »Danke Schatz, das wurde aber auch Zeit.«
Für einen Moment schien der Mann in meinem Rücken irritiert zu sein. »Schnauze!«, blaffte er mich an. »Du sollst dein Maul halten und tun, was ich dir sage.«
»Schau mal, was ich hier habe.« Langsam hob ich die rechte Hand zum Kopf, schob die langen Haare hinters Ohr und deutete auf den In-Ear-Kopfhörer. »Als du kamst und mir mit deinem stinkenden Atem in den Nacken gehaucht hast, telefonierte ich gerade mit meiner Frau. Die Leitung ist noch immer offen und sie hat alles mit angehört. Leider hast du deine Hausaufgaben nicht gründlich genug gemacht sonst hättest du gewusst, dass ich mit einer Kriminalkommissarin verheiratet bin. Ich musste nur etwas Zeit schinden.«
Langsam drehte ich mich um und lächelte meine Frau erleichtert an, die dem Kerl gerade die Handschellen anlegte.




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