Projekt Daedalus
- helmut-schreibt
- vor 14 Stunden
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Der Schmerz ist unerträglich. Er zerreißt meinen Körper und meine Seele. Genau, wie die unzähligen Male zuvor. Ich habe bis heute nicht verstanden, wieso ich diese Höllenqualen miterlebe, die der andere empfindet. Sind wir mental miteinander verbunden? Ich schreie und frage mich nicht zum ersten Mal, ob es das wert ist. Ich verliere das Zeitgefühl. Das passiert mir immer häufiger in letzter Zeit. Die schlaflosen Nächte zehren an meinem Körper, Wahnvorstellungen überkommen mich, aber ich gebe nicht auf. Ich muss es schaffen! Es ist immer wieder dieser eine grausame Moment: Kommen die Schmerzen oder der Tod?
Ich bin Wissenschaftler und habe mich freiwillig für diese Tests gemeldet. Dies ist meine Erfindung, also wer sonst sollte das Privileg haben, der erste Mensch zu sein, der sich den Traum der Teleportation erfüllt. Alles fing mit dieser Idee bei einer langen Flugreise an. Das muss besser gehen, dachte ich mir. Schneller, bequemer, sicherer. Also begann ich, zu recherchieren. Die erforderliche Technik gab es nicht und würde es auch in tausend Jahren nicht geben, erklärte man mir. Daher musste ich selber einen Weg finden. Der Grundgedanke ist simpel. Ein Objekt wird gescannt, an einen anderen Ort übertragen und dort ausgedruckt. Ich brauchte viel Überzeugungsarbeit, um meine Geldgeber davon zu überzeugen, dass dies auch mit menschlichen Körpern funktioniert. Ich nenne das Verfahren destruktiver Quantentransport – nicht weil es elegant klingt, sondern weil es die Wahrheit ist. Die Kopie wird zum Original und der Körper aus der Sendestation wird vernichtet. Ihr haltet mich für verrückt? Mag sein, aber vielleicht ist es erforderlich, Grenzen zu überschreiten, wenn man Erfolg haben will. Dabei gehe ich absolut kein Risiko ein. Mein Körper wird erst dann automatisch durch einen Laser zerstört, nachdem auf der Empfangsseite eine perfekte Kopie entstanden ist. Ich werde darin weiterleben, weil auch das Bewusstsein übertragen wird. Ich nenne es Projekt Daedalus. Es erscheint mir passend: ein Konstrukt aus Hoffnung, Stolz und tödlicher Präzision.
»Victor, Sie müssen damit aufhören.« Die flehende Stimme meines Assistenten Martin reißt mich aus meinen Gedanken. »Es wird Sie umbringen.«
Die Schmerzen lassen langsam nach. Ich bin nackt, schließlich soll mein Körper dupliziert werden und nicht die Kleidung. »Ich kann nicht sterben«, erkläre ich. »In einem der beiden Körper werde ich leben. Solange es nicht funktioniert, ist es dieser hier. Sobald doch, ist es der im Nachbarraum. Eines Tages werde ich beweisen, dass es funktioniert.«
Nachdem ich mich angekleidet habe, trete ich schwankend vor die große Glasscheibe. Dahinter sehe ich die Empfangsstation. Der Anblick des Wesens auf dem Gitterrostboden ist schockierend. Es ist mein Ebenbild. »Ist er tot?«, frage ich.
»Ja, zum Glück. Seine inneren Organe sind miteinander verschmolzen.« Er drückt den roten Knopf an der Wand und eine Glocke senkt sich über den Leichnam. Die Biomasse wird zersetzt, abgesaugt und eingelagert.
»Haben Sie geprüft, ob die Masse exakt meiner Körpermasse entspricht?« Ich fasse ihn kurz bei den Schultern. »Nur ein Gramm Abweichung und die Kopie wird nicht vollständig sein. Es kann schließlich nichts aus Nichts entstehen.«
»Bei jedem Durchgang werden Sie exakt gewogen und gescannt. Jedes Mal. Der Computer entnimmt dann die erforderliche Menge an Material für den Biodrucker.«
Eine Weile bleibt es still in unserem Labor. Hinter mir steht die Sendestation, eine runde Plattform mit rotierenden Scannern und einer Haube, die mich ein wenig an die Föhnhaube meiner Großmutter erinnert.
»Wieso haben Sie den Rechner so programmiert, dass er Sie tötet, wenn eine erfolgreiche Teleportation gelingt?« Martin schüttelt langsam seinen Kopf. »Sie könnten doch weiterleben.«
»Nein, mein Freund. Das wäre sowohl ethisch wie auch rechtlich nicht vertretbar. Unsere Identität wäre dann nicht mehr eindeutig. Wer wäre ich dann? Ich? Er? Die Kopie hätte meine Erinnerungen, meine Gefühle, mein Bewusstsein. Aber das darf nicht zweimal parallel existieren.«
»Aber Sie sterben, das kann nicht richtig sein.«
»Nein, ich wechsle nur in einen anderen, vollkommen identischen Körper. Für mich wird es keinen Unterschied machen. Ich werde höchstens für den Bruchteil einer Sekunde verwirrt sein, weil ich plötzlich im Nebenraum bin.« Ich schaue meinen Assistenten mit ernstem Blick an. »Martin, es ist wichtig, dass das Original vernichtet wird. Erst dann ist die Kopie wirklich ich.«
Während ich die Einstellungen am Computerterminal überprüfe, bereitet Martin alles für den nächsten Durchgang vor. Ich kann ihn verstehen. Er hat nicht diese innere Überzeugung wie ich. Für ihn ist das nur ein technisches Experiment. Für mich ist es der Beginn einer neuen Ära. Eines Tages wird es möglich sein, ohne Zeitverlust von einem Ort zum anderen zu reisen.
»Es ist so weit. Die Anlage ist für den nächsten Lauf vorbereitet.«
Ich beende die Eingaben an der Tastatur, ziehe mich erneut aus und betrete die Sendeeinheit. Die Scanner beginnen ihre Arbeit. Sie rotieren um meinen Körper und erfassen nicht nur die Oberfläche, sondern durchdringen mich bis in die kleinste Zelle. Die dabei entstehende Datenmenge ist mickrig im Vergleich zu der, die die Haube aufzeichnet. Noch während des Vorgangs werden die Daten durch ein Bündel von Glasfasern in die Empfangseinheit geleitet und der Biodrucker beginnt, mein Ebenbild zu erschaffen.
Ich bin verwirrt. Ich spüre keinen Schmerz, zum allerersten Mal. Hat es endlich funktioniert? Aber dann wäre ich tot. Martin reicht mir meine Kleidung und mit zittrigen Händen ziehe ich mich an. Entsetzen macht sich in mir breit. Das kann nicht sein. Das darf nicht sein! Der Computer ist so programmiert, dass er das Original sofort vernichtet, sobald die Kopie aufgebaut und ein exaktes Ebenbild von mir entstanden ist. Ich überprüfe die Werte am Computerterminal und schrecke entsetzt zurück. Langsam schiebe ich meinen Stuhl nach hinten und trete vor das Fenster zum Nachbarraum. Meine rechte Handfläche berührt die Scheibe. Wie in einem Spiegel sehe ich, wie meine Kopie mir gegenübersteht und die gleiche Bewegung mit der linken Hand macht. Wir holen beide tief Luft und sagen: »Oh mein Gott. Was habe ich getan?«




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